So provokativ lautet der Titel des im April neu erschienen Buchs aus dem Verlagshaus Piper von der Lehrerin Maria-Anna Schulze Brüning und dem Co-Autor Stephan Clauss. Der Untertitel erklärt sogleich die Intension des Buchs: Wenn die Handschrift in Schulen aufs Abstellgleis gelange, leiden darunter das vernetzte Denken und schulischer Erfolg. Liest man weiter im Buch, erfährt man, dass durch die „Schriftkatastrophe“ auch ein wichtiges Stück der menschlichen Autonomie abhanden kommt bzw. bereits abhanden kam. Natürlich leidet darunter nicht nur die Feinmotorik, sondern auch die Sinnlichkeit und die Psyche.

Mit dem treffenden Wort „Schriftkatastrophe“ (vgl. hierzu „Kann man die Handschrift verlernen?“) bezeichnet die engagierte Lehrerin Folgendes (S. 86 ff.): 1. unleserliche Handschriften, 2. Unvermögen der Größenkontrolle in den drei Ebenen Mittelband, Ober- und Unterlängen, 3. Missachtung von Abständen zwischen Buchstaben, Worten und Zeilen. Und worin liegt die Ursache? In dem in die Krise geratenen Schreibunterricht sowie in den Tücken der Druckschrift und Vereinfachten Ausgangsschrift, die die Lateinische Ausgangsschrift ersetzte. Selbstverständlich ohne seriöse Testung und fundierte wissenschaftliche Untersuchungen. Dies wiederum ist der herrschenden „Bildungsideologie“ geschuldet: Angesichts der digitalen Medien-Revolution wurde die Bedeutung der Handschrift neu bewertet. Das Resultat der Neubewertung ist die entgleiste, unleserliche Handschrift, die laut Schulze Brüning „in den Grundschulen nie so sehr aufgefallen (ist) wie in den weiterführenden Schulen“ (S. 106). 

Schulze Brüning fordert deshalb das systematische Üben der Handschrift. Natürlich sei der „Schönschriftunterricht“ aus der Mode gekommen und werde sogleich mit „Drill und Exerzieren“ assoziiert. „Ob es tatsächlich nur eine Qual war, Buchstaben zu üben, wird nicht hinterfragt. Meine Erfahrungen sind ganz andere. Fast alle Kinder schreiben gern und freuen sich, wenn sie sich ausschließlich ihrer Schrift widmen können – auch diejenigen, die unleserlich schreiben“ (S. 57).

Ihr Argument des gezielten Übens der Handschrift veranschaulicht Schulze Brüning sehr treffend in einer Analogie zwischen dem Erlernen der Handschrift und des Klavierspielens (S. 88): „Zu wissen, welche Note auf welcher Taste liegt und diese drücken zu können, reicht nicht aus, um ein Stück zu spielen. (…) Die Tasten müssen mit dem richtigen Fingersatz und im richtigen Rhythmus und Tempo bespielt werden. Um in diesem Bild zu bleiben: Manche Kinder sind auf der Ebene des Klimpern stehen geblieben. Sie können Buchstaben produzieren, diese aber nicht zu einem Stück vereinen.“

Besonders erfreulich ist, dass Schulze Brüning ausführlich darstellt, warum die Druckschrift keine Lösung ist (vgl. hierzu „Die verbundene Handschrift – mehr als ein Kulturgut“): Zwar erlernen Kinder schnell die Grundelemente der Druckschrift, aber deren ‚“Kombination zu einer neuen Form“ und ihre „Einordnung in das Vierfachliniensystem“ sowie das „bewegungsrichtige Schreiben“ überfordere viele Kinder (S. 78). Bei der Schreibschrift hingegen gibt es eine bessere „Koordinationssicherheit“ (S. 148), da sie von der Schreiblinie aus und zwar von „unten nach oben“ und nicht von „oben nach unten“ auf die Schreiblinie zu wie bei der Druckschrift entwickelt wurde. Kinder müssen auch keinen korrekten Ansatzpunkt für den Buchstaben finden, sondern folgen einer „festgelegten Spur“. Aus der Schreibschrift könne am Ende „eine individuelle Schrift entstehen, die den persönlichen Duktus sichtbar werden“ lasse und auch einen „eigenen Rhythmus, der bei der Ökonomisieren der Schrift“ entstehe, hervorbringen. „Bei der Druckschrift jedoch bleibt kaum etwas übrig, was reduziert werden könnte“ (S. 151). 

In Kapitel 11 des Buchs erhält der Leser ganz konkrete Anleitungen zum Thema „Wie können Lehrer und Eltern Kinder beim Verbessern der Handschrift unterstützen?“ (vgl. hierzu: „Über das Schreibenlernen“ und „Schreibprobleme und wie Kinder effizienter schreiben lernen“)

Schließen möchten wir die Buchvorstellung mit Kapitel 14, in dem Schulze Brüning eine Schülerbefragung an 351 Schülern im Alter von 14-16 Jahren durchführte und zwar zum Thema „Worin liegt der Wert der Handschrift?“. Hier ein paar „Best of“ der Kinder (S. 239 ff.):

„Wenn man mit der Hand schreibt, lernt man schon die Hälfte.“

Weil Kinder ohne Handschrift „faul werden und verblöden könnten“. 

„Es ist eine Frage des Prinzips, dass Kinder selbständig sind und schreiben können“.

„Man weiß besser, wo sich was befindet und verwirrt sich nicht in den eigenen Dateien.“

„Die Archivierung des eigenen Wissens ist handschriftlich sicherer.“

„Wenn in der Schule keine Handschrift mehr gelehrt würde, wäre die Menschheit am Ende.“

„Handschrift führt von Person zu Person.“

„Es ist einfach Standard.“

Gar nicht so dumm, was die Jugend sagt, oder?

 
 
„Wer nicht schreibt, bleibt dumm“

4 Gedanken zu „„Wer nicht schreibt, bleibt dumm“

  • 11. Mai 2017 um 21:22
    Permalink

    Zu der Kritik von Jules van der Ley möchte ich anmerken, dass die Kritik am Titel des Buches sicher berechtigt ist. Allerdings muss man wissen, dass Buchtitel nicht in erster Linie Sache der Autoren sind, sondern des Verlags und deshalb häufig nur punktuelle Aufmerksamkeit erregende Aspekte herausgestellt werden. Die beiden Aspekte des Buches – einerseits das durch unzureichende Handschriftvermittlung oft fehlende Arbeits-, Lern- und Denkinstrument in der Schule und andererseits der drohende Verlust der Handschrift generell durch Forcieren digitaler Medien – sind im Titel in der Tat unglücklich verquickt.
    SCHULZE BRÜNINGS Kritik an der unzureichenden wissenschaftlichen Fundierung der Vereinfachten Ausgangsschrift (VA) kann ich nachvollziehen. Der Hinweis auf zwei Veröffentlichungen des Erfinders der VA kann die Kritik nicht entkräften. Die Evaluation erfolgt auf sehr schmaler Datenbasis und wird vom Autor selbst vorgenommen. Nicht nur das ist ein Problem. Seriöser wäre es gewesen, eine Fremdevaluation statt einer Selbstevaluation vorzunehmen bzw. vornehmen zu lassen. SCHULZE BRÜNING zitiert TOPSCH, der detailliert schon 1976 auf allerlei Mängel in Grünewalds Selbstevaluation hingewiesen hat. Der Titel seines Buches lautet: Das Ende einer Legende – die Vereinfachte Ausgangsschrift auf dem Prüfstand.
    Van der Ley lässt deutlich seine Abneigung gegen die Lateinische Ausgangsschrift durchblicken, indem er suggeriert, es handele sich um eine altertümliche Schrift, die mit ihren angeblich „barocken Schleifen und Girlanden“ nicht mehr in unsere Zeit passt. Wenn er damit auf einige Großbuchstaben abhebt, möchte ich ihm nicht widersprechen. Auch SCHULZE BRÜNING macht den Vorschlag, bei den Großbuchstaben auf die VA oder die SAS zurückzugreifen. Nichtsdestotrotz dominieren die Kleinbuchstaben die Schrift. Die Großbuchstaben spielen eine Nebenrolle.
    Worum es aber, glaube ich, der Autorin geht, ist darauf hinzuweisen, dass die Schwächen der LA leicht korrigierbar sind und immer waren. Die VA ist nur dem Namen nach einfacher zu erlernen und offenbart gerade in der Schreibpraxis der weiterführenden Schulen eklatante Probleme, die es vorher so nicht gab. Ich sehe es als Verdienst dieses Buches an, Probleme im Schriftbild bis zu ihrer Entstehung zurückzuverfolgen und Erklärungen zu liefern, wie Kinder in ein Schriftdesaster geraten können. Das ist freilich ein ganz anderer Ansatz, als Schrifttheorien zu entwerfen.
    Schüler, die die Grundschule verlassen, verfügen in zu großer Zahl seit Jahrzehnten nicht mehr über eine geläufige gut lesbare Handschrift. Darüber klagen die Lehrer der weiterführenden Schulen schon so lange, dass vergessen wurde, nach der Ursache zu suchen. Eltern machen ihre Kinder verantwortlich, denen sie mangelnden Fleiß unterstellen. Andere halten Computer, Spielkonsolen oder eine unterentwickelte Feinmotorik für die Ursache. Dabei nahm das Übel seinen Anfang, als „fortschrittliche“ Kreise glaubten, in der VA eine pädagogisch bessere, weil leichter zu erlernende Schulschrift gefunden zu haben, mit der man sich gegen das „Establishment“ durchsetzen konnte. Nicht verwunderlich ist in diesem Zusammenhang, dass gerade der links verortete Lehrerverband GEW sich von Anfang an für diese neue Schulschrift eingesetzt hat.
    Dem Grundschulverband, der die gleiche Linie vertritt, ist der Vorwurf zu machen, dass man meines Wissens zu keinem Zeitpunkt größer angelegte Vergleichsuntersuchungen angeregt oder in Auftrag gegeben hat, mit deren Hilfe man die Ursachen des Schriftdesasters bereits viel früher hätte aufdecken können. Diese Untersuchungen hätten allerdings dazu führen können, dass offenkundig geworden wäre, dass Grundschulverband, GEW und andere aufs falsche Pferd gesetzt hatten.
    Nun schleicht man sich aus der Verantwortung, indem man einfach erneut eine Revolution propagiert (Grundschrift), die eine Welle lukrativer Neudrucke in Gang zu setzen vermag. Gebraucht werden Schreiblernhefte, Fortbildungen und vieles mehr. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
    Unterschlagen habe ich bislang, dass nicht nur die Schulschrift selbst eine Rolle spielt. Auch die Schreibdidaktik hat entscheidend zum heutigen Schreibdesaster beigetragen, wie SCHULZE BRÜNING in Kapitel 12 anmerkt: „Die Schreibschrift muss eingeführt werden, bevor die Druckschrift automatisiert ist, sonst wird sie nicht mehr zur vorteilhafteren Schrift.“ Mir geht diese Kritik nicht weit genug. Ist es nicht so, dass die Erstschrift (heute Druckschrift) sich am meisten einprägt, verfestigt? Dann gibt es nur eine Möglichkeit, Besserung herbeizuführen. Man muss die Abfolge ändern: zuerst die Schreibschrift, danach die Druckschrift. Mir ist kein einziger Fall bekannt, dass ein Kind, dass zuerst die Schreibschrift lernte, danach nicht imstande gewesen wäre, in Druckschrift zu schreiben.
    Fazit: Nichts spricht bei Licht besehen für eine Revolution 2.0, also die Einführung einer weiteren Neuerfindung, der Grundschrift, die eigentlich nichts anderes ist als die altbekannte Druckschrift, die bei zehn Buchstaben um ein Häkchen ergänzt wurde. Weder in der simplen deutschen Version noch in einer kalligrafisch aufgepeppten schweizerischen Version. Schluss mit Veränderungen um der Veränderungen willen.

    • 12. Mai 2017 um 17:05
      Permalink

      Fehlerkorrektur: In der fünftletzten Zeile meines Kommentars hat sich ein „s“ zuviel eingeschlichen. Es muss natürlich heißen: „… ein Kind, das zuerst die Schreibschrift lernte“
      Und weil ich gerade dabei bin: In der Rezension oben auf der Seite hat sich fälschlicherweise ein Apostroph eingeschlichen. Es muss heißen: “ … aufs Abstellgleis …“

  • 9. Mai 2017 um 12:03
    Permalink

    Der Titel des Buches enthält eine irreführende Vermischung von Sachverhalten. Wenn die verbundene Handschrift aufgegeben wird, hören Schülerinnen und Schüler ja nicht auf zu schreiben. Mit der als „treffend“ zitierten „Analogie zwischen dem Erlernen der Handschrift und des Klavierspielens“ kommen die Autoren dem Problem näher, ohne es zu verstehen. Wie Klavierspielen geschieht Schreiben heutzutage zunehmend, indem Tasten gedrückt werden. Aber Schreiben per Tastatur ist gewiss nicht, was die Autoren im Sinn haben. Was sich aus dem Vergleich zum Klavierspielen herleiten lässt, ist die Notwendigkeit zu üben. Auch Schreiben mit der Hand muss oft geübt werden, wenn Handschrift geläufig werden soll. Wer wollte das bestreiten.

    Die Unleserlichkeit vieler Handschriften liegt nach Ansicht der Autoren an der Vereinfachten Ausgangsschrift (VA), die als Alternative zur Lateinischen Ausgangsschrift (LA) eingeführt wurde „selbstverständlich ohne […] fundierte wissenschaftliche Untersuchungen.“ Das behaupten sie schlankweg, weil es ihnen nicht um wissenschaftliche Objektität geht, sondern genau um die ideologischen Motive, die sie anderen unterstellen. Bei aller berechtigten Kritik an der VA fordert die intellektuelle Redlichkeit darauf hinzuweisen, dass der VA durchaus wissenschaftliche Untersuchungen zugrunde liegen. Ihr Entwickler Heinrich Grünewald hat sie dargelegt in zwei Publikationen:
    GRÜNEWALD, HEINRICH: Schreibenlernen. Bochum 1981,
    GRÜNEWALD, HEINRICH: Schrift als Bewegung. Weinheim, Berlin, Basel 1970.

    Schlankweg behauptet ist auch, die verbundene Handschrift sei Vorauassetzung für vernetztes Denken. Ich selbst habe mir schon als Zehnjähriger eine Sorte Druckschrift angeeignet, weil ich die barocken Schleifen und Girlanden der verbundenen LA nur unzureichend nachvollziehen konnte. Habe ich dadurch das vernetzte Denken aufgegeben?

    Zum Thema Grundschrift, deren Einführung der Grundschulverband seit 2010 propagiert. Obwohl die Denkrichtung stimmt, den barocken Formenballast der LA aufzugeben und die klaren Grundformen unserer Albhabetschrift zu lehren, hat man sich leider für eine hässliche Skelettschrift entschieden. Ich habe den Grundschulverband im Vorfeld mehrmals vergeblich auf ästhetische Mängel hingewiesen. Vermutlich hatte man sich schon festgelegt und Unterichtsmaterialien drucken lassen. In der Schweiz, wo man ebenfalls von der Schnürlischrift genannten verbundenen Schrift abgerückt ist, hat man sich die unverbundene Ausgangsschrift, genannt „Basisschrift“ vom Kalligrafen Eberhard Maier gestalten lassen. Die Entwicklung der Schülerschriften aus der Basisschrift sind hier nachvollziehbar:
    http://www.basisschrift.ch/schriftbeispiele

    Wenn wir wollen, dass Schülerinnen und Schüler weiterhin gut und gerne mit der Hand schreiben, müssen die ästhetischen Aspekte der Handschrift berücksichtigt werden. Professionelle Schreiber könnten hier helfen und wieder für Handschrift begeistern. Kalligraphen in den Unterricht!

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.