Frau Bunn, Sie sind Graphikerin, Kalligraphin, Lehrerin – was noch?

Ich bin vor allen Dingen ein sehr neugieriger Mensch und liebe Formen und Farben, auch alles dazwischen, also Veränderung, Bewegung. Musik hat dabei einen großen Stellenwert, auch Reisen, Tanz. Ich war 15 Jahre lang Klavierlehrerin, arbeitete als Erzieherin und habe Veränderung und Bewegung, nicht nur bei den eigenen Kindern, begleitet. Eine Zeitlang jobbte ich in einem Schreibwarengeschäft, war Dekorateurin und Fotoassistentin. Des Weiteren gestalte gerne Dinge in meinem Umfeld selbst.

Aktuell arbeiten Sie an der Johannes-Gutenberg-Schule. Hier spielt das Schreiben eine wichtige Rolle – können Sie uns etwas mehr über diese Schule erzählen?
Die Johannes-Gutenberg-Schule ist seit 113 Jahren in Deutschland Zentrum für Druck und Kommunikation, d. h. Berufsschule für Lehrlinge in Medienberufen, auch Fachschule für Techniker, Meister und Weiterbildung. Außerdem bietet dort ein Berufskolleg für Grafikdesign jungen Menschen auch ohne Abitur die Möglichkeit, Grafikdesigner zu werden und nebenher die Fachhochschulreife zu erlangen. Bei einer praktischen Aufnahmeprüfung zeigen die Schüler ihr Können und bringen ergänzend eine Mappe mit ihren aktuellen Gestaltungsarbeiten mit, die ein entsprechendes Niveau haben.
Die Vollzeitausbildung mit 38 Wochenstunden umfasst Gestaltungsfächer vergleichbar mit Fachhochschulen: Grafikdesign, Fotodesign, Medientechnik, Typografie, Freies Zeichnen, Kunstgeschichte, Werbelehre und Werbetext, Deutsch/Literatur, berufsbezogenes Englisch, Mathematik. Allerdings ist bei uns alles praxisorientierter.
Mein Fach ist vor allem die Schriftgrafik, das heißt, dass die Schüler mit verschiedenen Schreibwerkzeugen und Materialien eigene Schriften entwerfen und in Fächer übergreifenden Projekten anwenden.
In unserem Vorgespräch haben Sie gesagt, Schrift habe Sie Ihr Leben lang begleitet.

In meiner Kindheit gab es noch Schönschriftunterricht in der ersten Klasse. Das sollte übrigens meines Erachtens dringend wieder eingeführt werden. Ich liebte die Lehrerin und ihren Unterricht und fand das Scheibenkönnen großartig. Lesen wurde zur Leidenschaft. Es gab eine Zeit, da kopierte ich fleißig die Handschrift einer verehrten Schulkameraden: Proportion, Druck, Schriftlage – es war viel Arbeit, aber irgendwann klappte es. Auch eine Geheimschrift zu entwickeln, war mir während meiner Internatszeit zur Bewahrung meiner Geheimnisse ganz wichtig. Später wollte ich Schriftstellerin werden: mit meiner Freundin schrieb ich Geschichten und Gedichte, die wir dann mit einer alten Schreibmaschine und viel Gebastel zu fertigen Büchern umsetzten.

Das Studium der „Visuellen Kommunikation“ an der Merz-Akademie in Stuttgart einige Jahre später verfeinerte diese Technik deutlich. Es folgten einige Jahre in Werbeagenturen und Verlagen als Grafikdesignerin und Illustratorin und viel Typografie am Mac mit viel freien Gestaltungsmöglichkeiten. Im berufsbegleitenden Lehramtsstudium und Referendariat begann die Lehrtätigkeit in Freiem Zeichnen, Gestaltung und Kunstgeschichte. Schriftgrafik war eine große Herausforderung, da fehlte mir das Wissen und die Praxis und so nahm ich zunächst Privatunterricht bei Michael Kern. Später vertiefte ich die Ausbildung zur Kalligrafin im In- und Ausland, unter anderem bei Brody Neuenschander, Ewan Clayton, Thomas Ingmire, Denise Lach, Herta Spiegel und anderen.

Seit 2000 habe ich ein Atelier für Schriftkunst und bin Mitglied bei „Schreibwerkstatt Klingspor Offenbach“.

Kann man im Internet sehen, was Sie alles gestalten?
Im Netz findest man nichts über mich, ich habe mir auch noch keine Website gemacht. Zwar gibt es immer wieder in meinem Atelier kleine Ausstellungen, hin und wieder habe ich auch an Gemeinschaftsausstellungen mitgemacht, aber da ich viel Zeit und Energie für die Lehrtätigkeit aufwende, genieße ich die Freiheit, nur das zu gestalten, was mich interessiert und freut. Es gibt keine Notwendigkeit zu publizieren oder irgendwem irgendwas zu verkaufen.
Welche Funktion und Aufgabe hat die Handschrift für Sie beim Gestalten?
Ich gestalte zwei- oder dreidimensional, illustriere und interpretiere. Dabei geht es mir immer um die Inhalte. Im Raum zwischen Worten und Buchstaben suche ich die richtige Spur und den besten Strich, um Form und Farbe zum Klingen zu bringen. Wenn‘s nötig ist, gibt es Text als Textur und Poesie auch mit der Säge und Draht geschrieben.
Dabei verschreibe ich mich immer wieder mit Leidenschaft der Leere, dem Weißraum innerhalb und zwischen den Buchstaben, den Zeilen und dem leeren Papier. Ich bin dem richtigen Federstrich (wie bei einem Bogenstrich von Streichinstrumenten) auf der Spur. Der Prozess des Suchens und Findens findet ein Ende, indem ich festlege, was in der Poesie offen bleiben mag. Mit der Feder ahme ich den Flügelschlag der Geister nach, die in Form von Worten (von geistreichen Menschen) existieren.
Mit welchen Stiften und Schreibgeräten gestalten Sie am Liebsten?
Ich verwende den Bleistift beim Konzipieren, ich mag das Geräusch und die Schnelligkeit, wie er das Denken begleitet. Druck und Chaos im Schriftbild zeigen mir dann, wo es noch Unklarheiten gibt. 
Der Geruch und der Glanz von Tusche versetzt mich in feierliche Stimmung – ab da wird’s Ernst und es gibt kein Zurück mehr!
Welche Materialien benutzen Sie gerne bei der gestalterischen Arbeit?
Material hat eine eigene Sprache und spricht mit. Verschiedene Federn, Pinsel, Stifte, Untergründe, Flüssigkeiten, Pigmente etc. kommen zum Einsatz. Es ist wie beim Kochen: Für die Zubereitung der verschiedenen Gerichte benötigt man unterschiedliche Geräte, Zutaten, Gewürze und  – ein vertrautes Lieblingsmesser in der Schlacht! Die Auswahl und Strategie in der Anwendung entwickelt sich aus der Aufgabe, dem Experiment und dem Zufall.
Schreiben Sie noch mit Hand?

Ich schreibe täglich Einträge in meinen Terminkalender, Notizzettel, manchmal Tagebuch. Das vermischt sich auch gern. Briefe schreibe ich auch sehr gern, wenn es festlicher sein soll als eine SMS oder eine E-Mail: Glückwünsche, Anteilnahme, und Betrachtungen. Wenn ich was zu sagen habe, das persönlich, also mit Gefühl gestaltet sein will, dann greife ich zum Stift.

Und mit welchen Schreibgerät schreiben Sie dann am liebsten?

Mit meinem Füllhalter. Der EINE ist mir leider vor Jahren geklaut worden, ein unersetzlicher Verlust. Seitdem bin ich eher mit Tintenrollern unterwegs, da mich bisher noch kein anderer Füller überzeugen konnte.

Gefällt Ihnen Ihre Handschrift?

Manchmal gefällt mir meine Schrift, sie verändert sich immer wieder. Zur Zeit schreibe ich größer und leider unordentlicher als vor ein paar Jahren.

Das Interview mit Stephanie Bunn führte Katja Rehm.

 

 

Interview mit einer Grafikerin & Kalligraphin

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